„Jehova” in Köln

von Jens Pielawa (Kommentare: 0)

Jehova! Jehova!Eigentlich dürfte ich an diesem Wochenende gar nicht hier sein. Meine Frau hatte schon gefühlt vor etlichen Jahren ein Chor-Workshop-Wochenende anberaumt und ich hätte meine Kinder bespaßen sollen. Dann aber kamen die vier Konzerttermine von Erasure zur „Tomor­row’s World”-Tour und ausgerechnet im für mich noch nahesten Ort Köln musste es dieses Wochenende sein... <seufz> Es sah so aus, als könnte ich nicht mit dabei sein und das Konzert würde ich verpassen müssen. Ich habe dann aber mit Unterstützung von vielen lieben Leuten doch noch eine Karte, eine Einladung zur Aftershow-Party, ein Hotelzimmer und eine Mitfahr­gelegenheit organisiert bekommen – offensichtlich wollte man mich mit dabei haben... Nachdem dieses Halligalli durch Ebay-Verkäufe und Sparen gegenfinanziert wurde, konnte meine bessere Hälfte auch nicht mehr argumen­tieren. Zur Sicherheit sprach ich dann auch nicht mehr von „Erasure”, sondern sagte immer „Jehova” („Was kann denn noch schlimmer sein, hä? Jehova! Jehova!”). Rhythmik und Klang sind ungefähr gleich und damit falle ich auch keinem mehr wochenlang auf die Nerven – glaube ich zumindest. Na, und nun kann es also doch losgehen.

Dadurch, dass Patrick leider einen Band­scheiben­vorfall vor dem Konzert diagnostiziert bekommen hat, konnte ich mit Guido aus Salzgitter auch eine Rückfahrt-Gelegenheit von Köln klar machen. Dem armen Patrick passieren immer vor großen Ereignissen kuriose Krankheits­geschichten (Yazoo live wird er wohl so schnell nicht wieder sehen können). Guido holt mich mit seinem Golf ab und wir gabeln noch Claudia, offenbar Konzert­junkie, auf und gehen auf die Autobahn. Bis Köln fährt es sich relativ flüssig und es laufen CDs von OMD, Mirrors und die neue „Tomorrow’s World” von Erasure. In Köln am Hotel ange­kommen melden wir uns erst mal an, dabei soll ich auch mein Zimmer bezahlen. Komisch – das hat der andere Jens doch schon bei der Bestellung bezahlt… Na, egal, wird sich schon klären. Wir packen schnell aus und gehen dann Jens und Anke in ihrer nagel­neuen Wohnung besuchen. Von dort, wo noch weitere Fans eintreffen, laufen wir zum Haus Böhmer, einer Gaststätte, bei der es lecker Schnitzel geben soll. Die stets lächelnde hübsche Bedienung versorgt uns mit Essen und es macht mir Spaß, ihr beim Arbeiten zuzuschauen – sie hat irgendwie ein inneres Lächeln. Ich gönne mir Cevapcici, während die anderen alle Schnitzel haben. Auch Tom, mein Zimmer­genosse, hat sich jetzt dazugesellt.

Nach dem Essen kommen zwei Taxis und bringt uns gemein­schaftlich zum E-Werk. Hier hat sich schon eine lange Schlange gebildet, die sich aber schnell Richtung Eingang bewegt. Ich kaufe mir wieder nur eins von den neuen Tourshirts, die ich mit 25 EUR immer noch zu teuer finde. Wer alles Merchandising kaufen möchte, kann arm daran werden. Unsere Gruppe postiert sich mittig vor dem Mischpult, dieses Mal stehe ich also etwas weiter hinten. In der Menge entdecke ich keine weiteren bekannten Gesichter, aber Stefan und Andreas aus Hamburg gesellen sich zu mir. Als Vorsängerin kommt eine Nessi auf die Bühne, die mit Gitarre nette belanglose Lieder singt und leider auch etwas stimmlich knödelt. Sie freut sich ständig über die große Masse an Leuten, vor denen sie auftreten darf und wird nicht müde, stets ihre Webseite www.iamnessi.com zu erwähnen. Aber dann ist sie auch schon wieder weg und das Warten auf Erasure beginnt.

Erasure auf der Gothic-Bühne

Emma und ValPünktlich um 21 Uhr geht es los: vor der Kulisse eines gotischen Kreis­fenster­bogens und Stahl­gitter­säulen mit drapierten Säulen beginnt Andy „Sono Luminus” zu singen. Val und Emma sehen ausgesprochen schick aus und Vince versteckt sich hinter einem großen beflügelten Dämon, der sein Macbook beinhaltet. Der Sound ist recht laut, zu Anfang klingeln mir ein wenig die Ohren. Die Arrangements aber haben alle noch mal dazugewonnen, die alten Hits wie „Love To Hate You” oder „Breath Of Life” klingen mit etwas mehr Bass gut. Andy plaudert munter drauf los und erwähnt in seinem charmant leicht holprigen Deutsch, dass er frisch geduscht sei, „man kann es kaum nicht glauben” und dass er „gestern Gänse und heute Kninnchen” (Kaninchen) gegessen habe. Er ist sichtlich guter Laune und unterhält die Menge auch mit kleinen Tanz­einlagen. Dann werden sporadisch fünf Titel vom neuen Album gespielt, „Be With you” als nächste Single funktioniert live sehr gut (ich hatte erst Bedenken) und alle singen auch irgendwie mit, während Andy einen Textzettel in der Hand hält – ist wohl eher ein Running Gag, wie ich gehört habe. Richtig gut aber ist „A Whole Lotta Love Run Riot”: das ist live ein echter Knaller, alle Echo-Effekte werden 1:1 umgesetzt und das Arrangement von Vince ist erste Sahne. Für mich ist das das neue „Love To Hate You”, kraftvoll und elektrisierend, absolut das Highlight des Abends. Die genauestens ausgetüftelte Lightshow tut ihr Übriges und ist perfekt zur Musik abgestimmt. Fast kommt mir manchmal das Bühnenbild 3D-mäßig entgegen.

Super Stimmung und mitreißender SoundWie immer dürfen zum Schluss die ganz alten Mitsing-Titel wie „A Little Respect”, „Sometimes” und „Stop!” nicht fehlen und die Menge gibt alles. Unter lautem Jubel von ca. 1700 Fans verabschieden sich Vince, Andy, Val und Emma und man entlässt die glückseligen (und sicher heiseren) Fans in die Nacht. Ich treffe noch ein paar bekannte Gesichter, so zum Beispiel Bianca mit ihren feuerroten Haaren und Janine aus Hildesheim, die mich unlängst bei einem Eisdielenbesuch in Hildesheim als einen Erasure-Fan an meinem zufällig getragenen Tourshirt erkannt hat. Immer wieder wird geherzelt und geknuddelt – ich liebe meine Erasure-Fanbase… Mit einem Taxi geht es rasend schnell zurück nach Köln-Kalk in Sasch’s Bar, in die Stammkneipe von Jens (dem anderen).

Leider schon wieder vorbei...

Check der Gästeliste mit Jens und TomDie Bar ist ein kleiner Raum, in dem höchsten 40 Gästen Platz haben, ein Tresen, einige Sitz­gelegen­heiten und die Kneipe ist um 23:45 Uhr schon recht voll. Leider darf hier auch geraucht werden, aber es hält sich in Grenzen. Meine Sportsbar in Hannover war vor Jahren wesentlich dicker verqualmt, als man dort noch innen rauchen durfte. Nach dem Check der Gästeliste nehmen wir Platz und können trinken, was wir wollen. Sobald sich das Glas dem Ende nähert, bringen uns die aufmerksamen Angestellten sofort Neues. Auf einem Beamer läuft die „Phantasmagorical Tour”-DVD und hier und da singe ich ein bißchen mit. Als Yvonne, Karsten und Andrea erscheinen, begrüßen wir uns herzlich. Yvonne hatte gestern erst ein Meet and Greet und ist immer noch etwas aufgeregt. Mit ihr singe ich inbrünstig und textsicher ein paar Klassiker, ansonsten wird ausgedehnt gequatscht. Nur tanzen kann man hier nicht, dafür ist es zu eng.

Gemütliches Beisammensein in Sasch’s BarZugunsten von SchwIPS e.V. (Schwule Initiative für Pflege und Soziales e.V.) werden Lose verkauft und kleine Preise verlost. Von Mute Records ist leider nichts mit dabei, Erasure-Artikel sind auf Anfrage nicht zur Verfügung gestellt worden. Da knausert eine Platten­firma ganz gehörig. Drei magere Plakate hängen in der Bar und werden auch schnell wieder abmontiert… Erst um 4:30 Uhr gehen die letzten Leute, ich auch, und Tom bleibt noch auf ein letztes Kölsch. Ich mache mich im Hotel schon fertig und lege mich in ein normal großes Doppelbett. Tom kommt zehn Minuten später an. Er hat schon angekündigt, dass er schnarcht und ich habe prophy­laktisch Ohropax (wie für jedes Hotel) mitgebracht. Wir sagen uns schnell gute Nacht – und dann fängt Tom an zu schnarchen… Ich kann einfach nicht einschlafen, nicht nur wegen Toms Schnarchen, auch der unmäßige Cola-Genuss lässt mich wohl wach. Erst als es anfängt, etwas zu dämmern, nachdem ich leise nochmals im Bad war und mich dann anders herum ins Bett lege (Füße nach oben und somit nicht direkt neben Tom), schlafe ich ein.

Um 10 Uhr wache ich wieder auf und Tom ist schon mitsamt allen Sachen weg. Ich mache mich fertig und frage unten an der Rezeption. Tom hatte einfach schon Hunger auf Frühstück, während wir uns erst um 11 Uhr treffen wollen. Ich bekommen nach etwas längerer Recherche meine Zimmer­kosten bar wieder zurück, somit ist auch dieses Problem schnell gelöst. Langsam finden sich Andre, Guido und Claudia ein und wir gehen zum Bürgerhaus Kalk Frühstück. Jens und Anke stoßen dazu und wir haben ein opulentes Frühstück, bei dem wir das Konzert und auch Schnarch- und Furzgeschichten aus Doppel­zimmern besprechen… So ist halt manchmal der harte Touralltag. Wir gehen danach wieder zum Hotel zurück durch die Straßen, in dem vor kurzen der letzte Kölner Tatort mit dem Kalker Lokalkolorit gedreht wurde. Das Multikulti-Viertel besticht für mich eher durch den Leerstand vieler Läden und unsauberer Straßen. Nach einer herzlichen Verabschiedung von allen fahren wir auf die Autobahn und ich spiele diesmal das Navi für Guido. Eigentlich ist es sonnig, aber kalt und am Kamener Kreuz (in dem es bekanntlich immer „rechts ab” geht) staut sich Nebel. Claudia schläft eine Zeitlang auf der Rückbank. Dank Guidos besonnener Fahrt kommen wir heile wieder in Hannover an, setzen Claudia in Ricklingen ab und ich werde vor der Tür entlassen.

Erasure mit dem Song „Alien”Das war ein schönes Wochenende, bei der sich die große Erasure-Clique wieder getroffen und zu einem guten Konzert mit tollen Arrangements vom Meister Vince Clarke abgefeiert hat. Andy war gut bei Stimme, Val und Emma hatten ebenfalls sichtlich Spaß. Zu großem Dank ist man Jens (dem anderen) verpflichtet, der alles drumherum arrangiert hat, so dass jeder sein Plätzchen gefunden hat und bestens versorgt wurde. Mit nur drei Stunden Schlaf bin ich abends etwas müde und gehe schon um 20 Uhr ins Bett. Doch, das war ein tolles Wochenende mit „Jehova”. Und gesteinigt worden bin ich auch nicht – obwohl „Weibsvolk” anwesend war… Nein, meine Frau hat sich nur gefreut, dass ich wieder heile zuhause war.

Zurück