Erasure im Stadtpark Hamburg

von Jens Pielawa (Kommentare: 0)

Nach ziemlich langer Zeit ist es mal wieder soweit: Erasure kommt mit der „Total Pop!”-Tour nach Hamburg. Das letzte Mal habe ich Vince Clarke mit seiner „Yazoo Reconnected Live”-Tour gesehen und bin dafür am 4. Juni 2008 sogar extra nach Glasgow geflogen. Nun also spielt meine Lieblingsband wieder im Stadtpark. Hier durfte ich schon am 7. Juni 2003 bei einem Meet and Greet Vince und Andy persönlich treffen und später in einer Disco bei der Aftershow-Party neben dem Synthiegott sitzen. Etwas Sorgen bereiten die Wettervorhersagen, die nach sommerlicher Wärme für diesen Abend unwetterartige Gewitter voraussagen. Ich beobachte das Regenradar an diesem Tag und stelle fest, dass es nur im Westen zu einem Regenband kommt. Sicherheitshalber nehme ich aber die Regenjacke mit. Christian und JensPatrick ist so freundlich, mich im Auto nach Hamburg mitzunehmen, dafür bin ich sein Navi. Um 17 Uhr sind wir am Stadtpark nahe der City Nord und finden, oh Wunder, sofort einen bequemen Parkplatz (was sich noch als Vorteil für später erweisen wird). Vor dem Eingang zur Freilichtbühne warten wir und es dauert nicht lang, bis Christian aus Wien mit seinen Gastgeberinnen Corinna und Birgit erscheint. Der charmante Vince Clarke- und Synthiepop-Spezialist macht ein paar Tage Urlaub in Deutschland und konnte vor zwei Tagen bei herrlichem Wetter in Berlin schon ein Erasure-Konzert erleben. Wir plaudern etwas und dann gibt es nach wenigem Warten schon Einlass. In den ersten Reihen treffen wir die anderen Fans. Mit großem Hallo werden Yvonne, Matthias, Karsten nebst Frau und Marion mit ihrer frisch Angetrauten sowie einigen anderen herzlich begrüßt. Selbst nach Jahren funktioniert die Community bestens, man kennt sich und freut sich auf das gemeinsame neue Konzert. Dann passiert es aber doch: pünktlich um 19 Uhr setzt Regen ein, nicht heftig, so aber doch penetrant und recht kühl. Die Regenschirme werden aufgespannt und jeder (so wie Patrick), der keine Regenjacke oder sonstigen Schutz hat, ist binnen weniger Minuten nass. Die Sängerin Katja von Kassel ist eine in Lack gekleidete Diva und singt mit leichtem Synthiepop stets von der Liebe und gegen das Wetter an. „Und die Vögel singen Cha Cha Cha auf der Autobahn” – ah ja… Während ich glaube, dass sie als Domina aus irgendeinem SM-Klub in Kassel-Wilhelmshöhe entstiegen ist, überlege ich mir, wie der Rest ihrer Kolleginnen heißen mögen. Britta von Bremen, Gabi von Göttingen, Ulla von Ulm, Moni von München… Egal, Hauptsache, es hört mal bald auf zu regnen. Katja singt offenbar die Maxi-Versionen ihrer Lieder, aber Hosianna: kaum tritt sie ab, hört es auf zu regnen. Vince ClarkeUnd nach einer kurzen Pause kommen endlich Erasure. Mit lautem Applaus geht es los in ein Best Of-Konzert. Die Setlist ist ja eigentlich schon bekannt und so werden die Hits wie „Love To Hate You”, „Always”, „Oh L’Amour”, „Sometimes” und viele andere Knüller aus der 25-jährigen Bandgeschichte gespielt. Vince Clarke hat den Songs ein angenehmes zeitgemäßes Arrangement verpasst. Interessant aber wird das bei den früheren Stücken wie „Push Me Shove Me” oder „Hideaway”, die dadurch etwas peppiger klingen. Bei „Knocking On Your Door” hat Vince auch einen kleinen für ihn typischen Break eingebaut – sowas könnte er durchaus öfter bringen. Überhaupt fände ich ein Best Of-Album mal interessant, bei denen die Hits in einem neuen Gewand daherkämen, so wie 1992 „Who Needs Love (Like That)” mit dem Hamburg Mix. All die Klassiker im neuen Vince-Gewand – nicht als Remix, sondern neu arrangiert, das hätte was. Andy mit Emma und ValAndy plaudert zwischen den ersten Stücken viel auf Deutsch, fragt öfters das Publikum nach den richtigen Wörtern und erzählt, dass er Schwäne an der Alster beobachtet hat. Nach einem Versinger entschuldigt er sich, dass er manchmal etwas falsch macht wie „mein ganzes Leben”… – aber Andy, so schlimm war das nun nicht. Bei dem großen Katalog und der Unmengen an Texten kann mal immer etwas danebengehen. Die Sängerinnen Val und Emma lachen sich während des Songs einen und überhaupt ist die Stimmung in der Band hervorragend. Ich selber merke auch, dass ich hier und da nicht mehr so textsicher bin beim Mitsingen und fordere von mir selber, mal wieder öfters ein Erasure-Album aufzulegen und die Text-Erinnerungen aufzufrischen. Nach einem Jahr Fan-Dasein mit Maybebop und massig vielen deutschen A cappella-Stücken offenbaren sich erste Lücken beim Erasure-Katalog. AndyBell hautnah Nach 19 Klassikern und dem neuen Song „Save Me” vom kommenden Album „Tomorrow’s World” (an den man sich durchaus erst gewöhnen muss) ist schon Schluss. Es gibt mit „Stop!” nur eine Zugabe. Ganz kurios: während des Konzerts ist es wundersamerweise trocken geblieben, aber kurz nach dem Schlussapplaus hat Petrus den Hahn aufgedreht und lässt es wieder stark regnen. Sofort strömt die Masse zu den Ausgängen. Ich verabschiede mich mit Knuddelei von den Fans aus den ersten Reihen. Patrick und ich suchen noch an den Bierständen nach Christian, der trocken bleiben wollte, damit sein Merchandising nicht nass wird, finden ihn aber nicht und laufen dann zum nahen Auto. Hier war es von Vorteil, so einen kurzen Weg gehabt zu haben. Zwar ruft Christian übers Handy noch mal kurz an, aber wir fahren trotzdem, klamm (ich) und durchnässt (Patrick), los auf die Autobahn. Fast die gesamte Fahrt über regnet es wie aus Eimern. Um Mitternacht bin ich wieder zu Hause. Es war schön, mal alle wieder so fröhlich feiern und singen zu sehen. Schade, dass wir Christian und so manch anderen in dem Regengewühl verloren oder nicht (mehr) gesehen haben. Dafür gab es gute Musik, prima arrangiert und mit toller Stimmung. Es macht Spaß, ein Fan von Erasure und mit der Fanbase zusammen zu sein. Und mal ehrlich: mit dem Regen hätte es noch viel schlimmer kommen können… Die angekündigten schweren Gewitter oder Hagelstürme hätten das Konzert dann wohl wirklich vermiest. So aber war es zwar sicherlich nass-feucht, aber trotzdem wunderbar. Und nach dem miesen Paddelwochenende von vor zwei Wochen, wo wir wirklich pudelnass waren, war mir dies bißchen Regen dann auch relativ egal.

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