Der Untergang – oder: „Das geht ganz leicht”

von Jens Pielawa (Kommentare: 0)

Karte der PaddeltourEs gibt Tage, da wäre man besser im Bett geblieben. Ein Samstag, man hätte schön ausschlafen können, Brötchen holen, danach auf dem Flohmarkt rumstöbern, ach, was weiß ich. Die ganze Familie sitzt aber früh­morgens im Auto und fährt nach Hermanns­burg nördlich von Celle, wo heute eine Paddel­tour mit dem Klub Langer Men­schen (KLM) Deutsch­land e. V. ansteht. Die Örtze soll ja ein ruhiges Flüsschen mit schönen Ufern sein und das Paddeln ein sanftes Dahin­gleiten. Und nicht wenige sagen dazu auch immer: „Das geht ganz leicht”. Nichts­desto­trotz haben wir zweimal frische Klamotten mit, einmal relativ wasser­dicht eingepackt für unterwegs und das zweite Mal im Auto fürs endgültige Umziehen.

Die Gruppe trifft sich auf einem Parkplatz und bereitet sich vor. Dann lauschen wir der Boots­verleiherin, die Anweisungen gibt, wie man zu paddeln hat. Man muss links bremsen, wenn man nach links will und rechts gleichermaßen. Nie zur Seite lehnen und Brillen irgendwie sichern. Etc. und noch vieles mehr. Regine und ich tragen unser Boot als eine der letzten zu Wasser. Die Mannschaften paddeln immer zu dritt und ich wünschte, wir hätten jemanden an Bord, der das schon mal gemacht hat. Es findet sich aber keiner und Regine, Henri und ich als Steuer­mann steigen in das wackelige Boot ein. Ein Foto wird gemacht, wir sollen lächeln – was schwer fällt.

Angespannt sitzen wir in dieser Nussschale und paddeln los. Das Steuern will mir partout nicht gelingen, irgendwie fahren wir immer zu oft nach links oder rechts oder mitten rein ins dicke Geäst. Von Entspannung keine Spur, die Natur ist mir zu diesem Zeitpunkt sowas von egal, ich versuche nur, dieses Boot ruhig zu lenken. Beim zweiten Dreher allerdings ist Schluss. Ich kann nichts mehr lenken, die Strömung treibt uns rückwärts an das rechte Ufer. Wir stoßen an, drehen uns kurz in die Strömung, aber es wackelt zum Gotterbarmen und jeder von uns versucht das auszugleichen. Wie in Zeitlupe fallen wir dabei nach links um.

Die Örtze ist zwar kein tiefer Fluss, aber hier sind’s doch noch 1,50 Meter und wir japsen im kalten Wasser und strampeln, um Grund zu bekommen, uns am Boot festzuhalten und dann irgendwie ans Ufer zu kommen. Kein Mensch ist zu sehen. Ich bin vollkommen angepisst. Alle sind triefend nass und kalt. Regine und ich hieven das Boot an eine Böschung. Während das Boot mit Heico samt Familie und Bernd aus Hamburg mit Petra vorbeikommen und anhalten, paddeln auch ein paar andere Leute vorbei – und denen möchte man am liebsten das Maul stopfen. „Na, wie kalt ist denn das Wasser?” oder „Hier wird aber noch kein Anleger gebaut” lassen erahnen, dass das Mitgefühl von Profi-Paddlern gen Null tendiert. Einen schnauze ich auch lauthals an „Halten Sie sich geschlossen oder ich springe da zu Ihnen rein”. Zum Kotzen. Das waren gerade mal 600 m flussabwärts.

Mitten auf der Wiese ziehen wir drei uns alle um. Warm ist es nicht, vielleicht so 17°, aber es weht etwas. Henri hat eine Gänsehaut. Mit einigermaßen trockenen Klamotten wechsele ich zu Bernd in das Boot und fahre mit ihm los. Petra übernimmt unser Boot mit Regine und Henri. Mit Bernd ist das Paddeln zwar dann etwas beruhigter, weil er weiß, wohin er steuert und mir auch klare Anweisungen gibt. Trotzdem ist das Paddeln für mich nicht entspannter, auch wenn ich im Schneidersitz sitze, es wackelt nach wie vor. Die Landschaft ist mir nach wie vor ziemlich egal.

Beim ersten Bootsanleger in Hermanns­burg halten wir nach 2 km an und steigen aus. Wir wollen mal warten, wann die nächsten Boote kommen. Und das dauert… Erst nach ca. 10 Minuten kommt Heicos Boot, aber von Regine ist keine Spur. Das kommt noch mal 10 Minuten später an – und wir sehen, dass Regine, Henri und Petra auch ein zweites Mal umgekippt sind. – So, das reicht. Schnauze voll bei Familie Pielawa. Wir hören auf! Ein zweites Mal werden nun nicht mehr ganz so trockene Sachen angezogen. Henri bekommt meine Regenhose und mein Sweatshirt, er friert zum Gotterbarmen. Ich habe noch eine Jogginghose und ein Handtuch um meinen nackten Oberkörper. Regine bleibt relativ durchweicht so wie sie ist. Während der Rest weiterfährt und auch Vincent wohl schon weit voraus weiterpaddelt, holt uns der eilig angerufene Boots­verleiher ab. Er scheint nicht sehr begeistert zu sein, diese Anfänger aufgabeln zu müssen, sieht ebenfalls genervt aus und faselt im Auto dann davon, „dass das Boot Ruhe braucht”. Ah ja… Mir doch egal.

Am Startpunkt ziehen wir uns am Auto komplett erneut um und packen alle nass-schweren Sachen zusammen. Meine Geldbörse hat’s leider auch erwischt, trotz Beutels ist sie nass geworden. Ich trockne die Plastikkarten und lege nasse Geldscheine aufs Armaturenbrett. Die Visitenkarten aber sind durchweicht und zusammengepappt. Mit Karsten und einer ortskundigen Christine fahren wir dann zum Endpunkt nach Eversen. Mittendrin gibt es dann einen fiesen Gewitter-Wolkenbruch und wir ahnen, dass nun alle bis dato trocken durchgekommenen Paddler genauso nass sein werden wie wir Vollbader. An einer Straßenbrücke trudeln nach und nach alle anderen ein. Sie sind mal mehr, mal weniger nass und ziehen sich unter der Straßenbrücke um. Auch Vincent ist wohlbehalten mit dem erfahrenen Holger gut angekommen. Ich sitze danach leicht genervt im Auto und höre Musik, während Freundes Kinder in meinem Auto sitzen, sich aufwärmen und Döneken machen. Es dauert 1½ Stunden, bis sich alle eingefunden und die Fahrer vom Startpunkt sich dort wieder versammelt haben. Jetzt sollen wir noch zum Kaffetrinken in den nahegelegenen Ort Sülze (…).

Ich will das Auto starten – und es verreckt. Nochmal. Verreckt. Batterie ist alle. Nichts geht mehr. Ich werde panisch. Schon scharen sich alle um mein Auto und wollen es rückwärts schieben, man ruft „Kupplung treten” und „Loslassen”, ich wurschtele im Auto herum, nix… Nochmal nach vorne, ebenso chaotisch. Nix. „Der steht wohl auf der Bremse”, höre ich, ich steige aus und koche, brülle „ich krieg’ hier gleich einen Nervenzusammenbruch!”. Regine beruhigt mich, hält mich fest. Die anderen schieben das Auto noch mal hin und her und dann springt er an. Regine sagt zu Michaela, dass es jetzt wohl besser wäre, nach Hause zu fahren. So ist es! Genervt fahren wir los und über eine Stunde lang sagt niemand irgendwas Längeres. Ich koche innerlich. Auch ein von mir gesponsertes Essen bei McDonalds heitert die Stimmung nicht auf. Ich bin immer noch auf 180 und vollkommen angepisst. Der Abend klingt auf dem Sofa bei einer unterdurchschnittlichen und ebenfalls für alle nervigen „Wetten Dass”-Sendung aus. Mitten in der Sendung gehen Regine und ich ins Bett. Wenn das Publikum auf Mallorca minutenlang die La Ola machen muss, um sich irgendwie selbst zu unterhalten, nervt das nur noch mehr.

Nachts schlafe ich auf dem Sofa, weil ich grauenvoll schnarche und meine Frau nerve. Ich habe Schnupfen und Halsweh und träume immer über irgendetwas, was mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Morgens sagt Regine, dass sie Ähnliches geträumt hat. Wer auch immer gesagt hat, dass Paddeln leicht sei – die Familie macht das in ihrem Leben bestimmt nie wieder. Never ever! Auch wenn Vincent tapfer komplett durchgepaddelt ist, es braucht immer einen erfahrenen Steuermann. Wir drei hätten nie in dieses Boot zusammen einsteigen dürfen. Zweimal mit einem Boot untergehen dürfte auch einem hartgesottenen Menschen fürs Leben reichen.

Es gibt Tage, da wäre man besser im Bett geblieben. Oder man streicht das Erlebte lieber gleich vom Kalender. Das war definitiv kein Entspannen, kein Naturerlebnis und die Familie ist fast komplett angenervt. Am nächsten Paddeltermin sind wir nicht zu erreichen. Lieber gehe ich nackt durch eine Waschanlage. Das ist wesentlich beruhigender und akustisch wie optisch spannender.

P.S.: Fotos von diesem Desaster gibt es keine. Wird es auch nicht geben.

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