Einmal Bodensee und zurück

von Jens Pielawa (Kommentare: 0)

Überlinger MünsterAm Mittwoch, den 30. März, ging es los. Zuerst wurden vier Kartonmodelle kunstvoll verpackt für eine lange Reise zur Ausstellung „Von Asterix bis Zeppelin” in Überlingen. Eine Schau rund um das Schaffen vom „Meister” Hubert Siegmund ist vom 1. April bis 30. Oktober dort im Städtischen Museum zu sehen. Die Siegmund-Modelle Burg Bruneck (siehe unten), das Micky Maus-Western-Fort, der MM-Mississippi-Dampfer und das 1,20m lange Modell vom LZ-127 Graf Zeppelin wurden in zwei extra dafür präparierte Kartons reisefertig verpackt. Der Zeppelin soll im Treppenhaus des Museum als Wegweiser dienen. Alle Modelle wurden von mir gestiftet und werden in späteren Ausstellungen vom Schreiber-Museum in Esslingen sicher noch zu sehen sein. Haupt-Augenmerk ist aber der Verkaufsstart vom neuen Bogen „Mittelalterliche Kleinstadt”, der von mir gestaltet und druckfertig gemacht wurde (siehe meinen früheren Blog-Artikel).

Jens und Ewa in FrankfurtZuerst ging die Reise nach Frankfurt, um die lange Fahrt etwas zu halbieren. Dort traf ich meine Freundinnen Ewa und Franziska. Ewa, die stolze und hübsche Polin, hat mich vor sechs Jahren auf einer ähnlichen Ausstellungstour schon mal beherbergt und nun sieht man sich wieder. Sie hat nichts von ihrer Fröhlichkeit verloren, ihr Lachen ist nach wie vor herzlich laut und ansteckend. Mit Sommer­sprossen und roten Haaren sitzt sie mir gegenüber und wir plaudern für leider nur kurze zwei Stunden über familiäre Dinge und vieles anderes. Um 19.30 Uhr löst mich Franziska ab, sie macht noch ein paar Fotos von uns und dann muss ich Ewa gehen lassen. Nach wie vor steht meine Einladung für einen kurzen Urlaub in Hannover – was sie vor 20 Jahren alles mit einer entwaffnenden Herzlichkeit für mich getan hat, kann ich in heutigen Zeiten gar nicht komplett wieder aufwiegen. Mit Franziska gehe ich essen, auch sie habe ich nun schon seit knapp einem halben Jahr nicht mehr gesehen. In ihrem neuen Job bei der Travel Agency Technologies & Services ist das Leben in Frankfurt wieder in Fahrt gekommen. Wir kabbeln uns wie immer über die Vor- und Nachteile von Hannover und Frankfurt, plaudern über neueste Entwicklungen. Erst um Mitternacht rolle ich mich bei ihr zuhause auf einem kleinen Ecksofa so gut es bei meiner Länge geht zusammen.

Bodensee-Panorama vor ÜberlingenAm nächsten Morgen frühstücken wir und ich wühle in der großen Kartonmodell-Sammlung meiner eloquenten Freundin. Schade, dass unser gemeinsames Hobby nun nicht mehr so große Beachtung bei ihr findet (schließlich haben wir ja uns in einem Karton­modell­bau-Forum kennen gelernt), aber es ist schön zu sehen, dass es ihr jetzt richtig gut geht, in allen Belangen. Ich fahre Franziska zur Arbeit und düse dann über Karlsruhe und Stuttgart zum Bodensee. Schon 2004, als ich mit Regine hier eine Woche Urlaub in Meersburg gemacht habe, ist mir eines in Erinnerung geblieben: man kommt von der Autobahn und fährt vom Berg runter nach Überlingen – und in einem grandiosen Panorama tut sich der Überlinger See vor einem auf. Links die Ecke um Meersburg, im Hintergrund die Schweizer Berge, die Insel Mainau, der Überlinger See… Jetzt müsste es nur noch richtig Frühling sein und die Sonne richtig scheinen.

Siegmund-Modelle in der Bodensee-LandschaftIn Überlingen ist am Museum noch keiner zu sehen, es ist Mittagspause, und ich fahre erst mal zur Jugendherberge. Ich entdecke bei der Anmeldung den Südkurier, der fast eine ganze Seite lang über die Ausstellung berichtet, und ich finde sogar auch Erwähnung. Danach lässt mich der Museumsleiter Peter Graubach ins Museum, wir packen die mitgebrachten Modelle aus und platzieren sie zwischen unzähligen anderen. Die Burg Bruneck findet ihren Platz in einer Bodensee-Landschaft, während die zwei Micky Maus-Modelle zu den anderen Kindermodellen gestellt werden. Hier finde ich auch meine vor sechs Jahren gebaute MM-Autoparade wieder. Der Zeppelin wird später ausgepackt und aufgehängt, da es noch andere Sachen zu tun gibt. Schade, ich hätte gerne gewusst, ob mein erstes Flugzeug-Modell die Reise ebenso unbeschadet überstanden hat.

Stadtmodell und PostermotivAm Strandcafé treffe ich Dieter Nievergelt (Vorsitzender des Arbeitskreis Geschichte des Kartonmodellbaus e. V.), Kuratorin Barbara Hornberger (die schon vor sechs Jahren eine Ausstellung über Siegmund in Esslingen und Halle organisierte) und Gerhard Sturm. Wir wandern danach durch die Ausstellung, machen Fotos und diskutieren über Modelle, Fakten und weitere Arbeiten. Obwohl die Ausstellung etwas kleiner als damals in Esslingen ist, sehe ich doch viele neue Sachen und Modelle. Ein Arbeitstisch wird mit Originalmaterialien nach­empfunden, ansonsten dominieren die zwei großen Modell­land­schaften die Räume, alles andere wird in Vitrinen und Bilderrahmen präsentiert. Die Mittel­alter­liche Kleinstadt ist als Modell von Peter Wolfrum gebaut im Foyer zu sehen. Vielleicht baue ich ja auch mal eine Version für mich, dann aber mit einem anderen Grundriss. Von dieser Schau wird es auch wieder natürlich einen Bericht im nächsten Heft der AGK-Publikations­reihe „Zur Geschichte des Karton­modell­baus” geben.

Dieter Nievergelt und Terese SiegmundNach einer kurzen Ausruhzeit in der Jugend­herberge ist am Abend die feierliche Eröffnung. Nach einem kurzen Spaziergang durch leichten Regen stapfe ich zum Museum hoch. Langsam strömen die Gäste in die Räume. In einem Barocksaal darf ich in der ersten Reihe sitzen. Ein Enkel von Hubert Siegmund spielt mit seinen Kollegen im Blasorchester, zur Eröffnung und zwischen den Reden. Frau Terese Siegmund erscheint, leider wird sie in einem Rollstuhl vorgefahren — denn die Ärmste hat sich einen Tag vor der Ausstellungs­eröffnung bei einem Sturz das linke Schultergelenk gebrochen, eine OP steht gleich für den nächsten Tag an… Viele begrüßen sie flugs, ich halte mich – schüchtern wie immer – erst mal zurück, sie guckt aber ein paarmal zu mir rüber. Frau Oberbürgermeisterin Sabine Becker (die heute Geburtstag hat) eröffnet die Rede und bedankt sich bei Nievergelt, Hornberger, dem Museum und nennt kurz darauf auch meinen Namen. Sie erzählt von der Lebensgeschichte Siegmunds und von Überlingen, seiner Heimat. Frau Hornberger hält einen langen Vortrag zur Geschichte des Kartonmodellbaus und Herr Nievergelt erzählt über den AGK. Frau Siegmund erhält Blumen, einen Wein und einen der ersten Kleinstadt-Bogen als Geschenk. Nach weiteren Bläser­stücken eröffnet schließlich Peter Graubach die Ausstellung.

Gelegenheit für mich, um Frau Siegmund zu begrüßen, bevor wieder alle anderen auf sie einstürzen. Vor der zierlichen Frau im Rollstuhl gehe ich in die Hocke und sage, dass es mir eine Ehre war, den Kleinstadt-Bogen durchzugestalten. Sie drückt die ganze Zeit meine Hand und sagt mir, dass sie sich freut, mich sechs Jahre nach Esslingen wieder zu sehen. Ihrem Mann hätten diese Ausstellung und der Bogen sehr gefallen, es ist schön, dass er jetzt erschienen ist. Ich frage nach den Schmerzen und wünsche alles Gute für die morgige Operation. Für mich war dieses kurze Gespräch ein kleiner Ritterschlag, und siehe, kurz danach stürmen die Familie und andere Gäste auf die zierliche Frau ein. Die Gesprächs­gelegenheit war also perfekt.

Modell Burg BruneckNun gönne ich mir unten im Foyer Wein und leckeres Gebäck, das von Frauen in Überlinger Tracht serviert wird. Ich komme ins Gespräch mit einer Grafik-Designerin und einer Mutter, die Dinosaurier als Bogen für ihre Kinder gekauft hat (obwohl ich die kleinen Burgen als Einstieg geeigneter halte). Das Galeristen-Ehepaar Michael und Christina Walz aus Überlingen plaudert mit mir über Beruf, den Kleinstadt-Bogen und Asterix, ehe wir dann über die städtischen Vor- oder Nachteile von Hannover, Stuttgart und Frankfurt plaudern. Ich als alter Hannoveraner vertrete natürlich meine Stadt mit allen seinen Vorzügen. Vier kleine Gläser Wein und zwei Stunden später wandere ich mit dem Siegmund-Enkel und Gerhard Sturm durch die Ausstellung und wir klönen über Siegmund-typische Gegeben­heiten. Um 22.30 Uhr verabschiede ich mich und falle kurz darauf in der Jugendherberge ins Bett.

Auf der Burg HohenzollernAm nächsten Morgen besuche ich noch kurz Frau Hornberger und Herrn Sturm beim Frühstück im Hotel, ehe ich mich kurz darauf auf die Rückreise mache. Kaum verlässt man Überlingen, ist man auch schon wieder nur von Bergen umgeben. Ich vermisse das Panorama zum See jetzt schon wieder. Nach einer Stunde biege ich ab und fahre Richtung Hechingen zur Burg Hohenzollern. Schon Kaiser Wilhelm II. meinte, dass der „Ausblick von der Burg Hohenzollern wahrlich eine Reise wert ist”. Doch allein schon die Anreise ist den Blick wert, die Burg thront auf einem großen Felsen mitten in der Landschaft und ist bereits von sehr weit her zu sehen. Nach der Ankunft auf dem Parkplatz muss ich Untrainierter steile Wege und Treppen hinauf schnaufen. Doch dann geht man die Zuwege­rampen hinauf, die sich wie Schneckenhäuser hochwinden und steht im Innenhof. Mit einer internationalen Schulklasse mache ich eine Tour mit, die Führerin Frau Eppler ist sehr informativ und bindet die Kinder ins Geschehen ein, ohne die Fakten für die Großen zu vergessen. Leider ist eine Mutter mit einem nervigen Kleinkind mit dabei, das ständig markerschütternd quengelig brüllt. Die Mutter merkt, dass es stört und lässt sich dann immer etwas zurückfallen – danke!… Frau Eppler hat also eine tolle Führung absolviert und wünscht mir dann auch „Gute Reise”. Die Aussicht von hier oben ins Land ist wirklich phänomenal, selbst die Wolken über den Gebäuden sind so nah und huschen schneller als sonst vorüber. Kein Wunder bei 250 Metern über dem Land.

Ich tanke kurz vor der Autobahn und motze an der Tankstelle, dass ich keine Lust habe, das „Pommesfett E 10”, welches mein Auto nicht verträgt, mit acht Cent Aufschlag auf Superbenzin zu subventionieren. Der Junge an der Kasse meint lapidar: „Dann müssen Sie sich ein neues Auto kaufen”. Toller Vorschlag, vielleicht sponsert mir ein Benzinmulti ja mal ein neues Vehikel. Ich raune noch, dass man sich das E 10 „in die Haare schmieren könne” und sitze dann die Rückfahrt mit fünfeinhalb Stunden mit nur einer kurzer Unterbrechung in einer Tour ab. Viele Verrückte auf der Autobahn: zweimal muss ich eine Vollbremsung machen, weil irgendwelche Schnarchnasen entweder Ausfahrten verbummeln oder eine Verdichtung auf der linken Spur übersehen. Die Unsitte des Nichtblinkens bei BMW- und Audi-Fahrern wird erneut bestätigt, vielleicht bauen die Werke ja bald mal wieder schicke schnelle Autos mit funktionie­renden Blinkern (oder gibt es aus Japan keinen Nachschub mehr?)…

Doch, ich bin heile zuhause angekommen und freue mich, dass ein Kartonmodellbogen so viel Begeisterung auslösen kann. Ich wünsche der Ausstellung bis Ende Oktober viel Erfolg, Frau Siegmund alles Gute bei der Operation und ansonsten sieht sich die Kartonmodellbau-Gemeinschaft ja in Bremerhaven schon wieder. Ich freu mich drauf. Das Reisen wäre mir ja sonst vielleicht eher eine Last, aber ich fahre nun mal gerne Auto und diese Reise war es trotz aller Kilometer wirklich wert.

Zeitungsbericht aus dem Südkurier

PDF-Artikel „Miniaturbaukunst als Kartonmodell”
Südkurier Überlingen, Donnerstag, 31. März 2011

Baubericht zum Modell „Burg Bruneck”

PDF-Baubericht „Burg Bruneck”
Dieser Baubericht entstand für das Kartonmodellbau-Forum von Thomas Pleiner

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