Kartonmodellbau in Esslingen

von Jens Pielawa (Kommentare: 0)

Turm auf der BurgDie Jahrestagung des Arbeitskreises Geschichte des Karton­modell­baus e. V. (AGK) hat mich am Wochenende vom 23. bis 25. September nach Esslingen geführt. Die Große Kreisstadt süd­östlich von Stuttgart war schon 2005 mein Ziel, als hier die Ausstellung über den Karton­modell­bau­konstrukteur Hubert Siegmund eröffnet wurde, doch damals blieb bei diesem Kurz­besuch nur wenig Zeit, um sich die Stadt genauer anzu­sehen. Mittlerweile hat ja selbst Merian ein interessantes Heft über die Stadt veröffentlicht und dieses Mal bleibe ich ein ganzes Wochenende.

Titelbild des AGK-Hefts Nr. 11Zuvor bin ich gespannt, ob dann auch das neue Heft Nr. 11 „Zur Geschichte des Karton­modell­baus” pünktlich aus der Druckerei gekommen ist. Am 2. September habe ich die Druck­daten abge­geben (zuvor starb ausgerechnet mein alter PC). Nicht nur, dass ich wieder die komplette Druck­vorstufe erstellt habe, es findet sich auch erneut ein Artikel von mir im Heft. Der Arbeits­kreis Geschichte des Karton­modell­baus e. V. (AGK) bringt diese Broschüre alljährlich mit interessanten Themen auf den Markt. Es beinhaltet Geschicht­liches über Verlage, Biographien von Konstruk­teuren oder Berichte über Modelle und Ausstellungen. Aktuelle Details finden sich auf der Home­page des AGK e. V. unter http://www.kartonmodellbau.org/publikationen/agk_heft_nr_11.shtml.de. Mein Artikel befasst sich mit dem Konstrukteur Peter Gierhardt, der lange Zeit in Esslingen gewohnt hat. Vom Juni an habe ich mit ihm an diesem Artikel gearbeitet, er hat mir viele Auskünfte gegeben, eine sehr ausführliche Biographie vorgelegt und erstmals auch seine Modelle in einem Werks­ver­zeichnis zusammengefasst. Dazu bekam ich eine Menge Gierhardt-Bogen vom Aue-Verlag zugeschickt, wovon einige Modelle für den Artikel gebaut werden konnten.

Video Luftansichten von EsslingenPeter holt mich am Freitag vom Bahnhof ab. Er ist ein großer bäriger Typ mit grauem Bart, freundlich und gemütlich. Er zeigt mir, bevor wir uns am Abend im Weinkeller „Einhorn” treffen, schon viel von der Stadt. Das Wetter ist prima, der Altweibersommer dauert das ganze Wochenende an und man kann eigentlich nur mit T-Shirt herumlaufen. Das Video von der Homepage des Esslinger Stadtmarketing zeigt die Stadt und alle seine Sehenswürdigkeiten (Vorsicht: lauter Ton und großes Video!). Wir machen einige Schlenker, schauen uns aus­giebig die Stadtkirche St. Dionys und das berühmte Rathaus mit der astronomischen Uhr und dem charakteristischen Giebel an und kehren dann ein. Hier verabschiedet sich Peter wegen einer Familienfeier und da der kleine Raum schon gerappelt voll mit Kartonisten ist, setze ich mich an den dritten freien Tisch. Es gibt leckere geschmelzte Maultaschen für mich. Ich komme mit einem Kartonisten-Ehepaar aus Berlin ins Gespräch, später mischt sich die Gesellschaft dann auch und um 21 Uhr wandere ich durch schmale Gassen und durch das alte Wolfstor zum meinem Hotel am Schillerpark. Dies ist modern eingerichtet und alsbald schlafe ich ein, auch wenn hier und da mal ein paar Flugzeuge zu hören sind, die Stuttgart anfliegen.

Auch das ist Esslingen, direkt hinter dem Marktplatz…Am Samstag stehe ich früh auf, habe ein prima Frühstück und wandere, bepackt mit viel Material für die kommende Tagung und einer Posterrolle, wieder durch die Altstadt. An schönen Stellen mache ich erneut einige Fotos. Durch die schmucke Altstadt windet sich kaum merklich die aufgeständerte Augustinerstraße – eine Schneise als Tribut an wachsenden Autoverkehr in den 1970er Jahren. Mitten zwischen historischen Häusern und direkt hinter dem Marktplatz findet man Beton und Unterführungen, die mich an die Bausünden am Raschplatz in Hannover erinnern. Da muss man als Fußgänger durch, wenn man zum J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof möchte. Hier treffen sich knapp 20 Kartonisten aus verschiedenen Städten. Dieter Nievergelt hält eine kurze Begrüßungsrede, Thomas Gauger vom Aue-Verlag hat einen Karton mit verheißungs­vollem Inhalt mit. Alle Autoren des neuen Heftes werden kurz vorgestellt und kurze Zeit später halte ich dann auch ein druck­frisches wohlriechendes AGK-Heft in strahlendem Gelb in meinen Händen. Herr Gauger verrät, dass es wirklich im letzten Moment fertig geworden sei, weil die Druckerei viele Aufträge hatte.

Bogenansichten im J. F. Schreiber-MuseumDanach bekommen wir eine Führung durch das Museum, wo die Geschichte des J. F. Schreiber-Verlages und die Drucktechnik dargestellt wird. In der großen Schaugasse stehen unzählige alte und neue Kartonmodelle aus dem Verlag, vom kleinsten Auto bis zum 114 cm langen Petersdom. Anschließend versammeln sich alle an einem großen Tisch, wo Karl-Harro Reimers alte Bogen aus dem Schreiber-Archiv herumzeigt und kommentiert. Jeder schaut interessiert auf die alten Modelle, die teilweise über 100 Jahre alt sind. Zum Schluss kaufen einige aktuelle Modelle aus dem Shop und ich treffe mich mit Herrn Niever­gelt zu einem Arbeits­gespräch.

Direkt am Rathaus im Café gönnen wir uns Kuchen und besprechen Kleinigkeiten aus den vergangenen AGK-Heften. Mal sind es vergessene Tippfehler, mal die Bildhintergründe, mal die Bildfarben – nichts Ernstes, was dem „normalen” Leser auffallen würde, aber eben uns. Da haben sich wirklich zwei 150%-ige getroffen, die noch nach dem Druck (und sowieso bei der Produktion) jedem Fehlerchen hinterher gucken und das Beste aus dem Material zu holen versuchen. Ich bekomme Lob für diese Arbeit, „ohne mich würde es das Heft nicht geben” und dann bietet mir Herr Nievergelt das „Du” an.

Dieter Nievergelt und Robert WürstlinNach dem leckeren Baumkuchen geht es in die Webergasse, wo sich der Kutschersaal befindet, in dem die Jahrestagung des AGK stattfinden soll. Hier tagen wir nun, besprechen wie in jedem Verein die kleinen und großen Belange und haben das relativ schnell hinter uns. Danach folgen Werkstatt­berichte, einer berichtet z. B. über Sonnenuhren und deren Modell, Herr Reimers über Esslinger Gebäude und die meisten Schmunzler bekommt Robert Würstlin. Der 84-jährige konstruiert hobbymäßig Burgen­modelle eigentlich für seine Enkel, hat aber damit großen Erfolg und druckt auf einem Tinten­strahl­drucker große Auflagen z. B. „für die Pfadfinder, die 400 Stück bestellt haben”. Voller Elan und Erzähl­freude, dabei lauter, weil schwerhörig, ist dieser Mann nur schwer zu bremsen.

Draußen vor den „Goldenen Fässle”Am Abend, der noch immer recht warm ist, gehen alle zum Restaurant „Goldenes Fässle”. Hier ist der gebuchte Raum recht klein und durch die vielen Gäste scheint der Wirt Probleme bekommen zu haben. Ein paar Leute bleiben dann draußen sitzen (und ärgern sich ein bißchen unnötigerweise, ist doch ganz nett), so auch ich mit Peter und seiner Frau Barbara. Hier gibt’s leckere Kässpätzle, Frau Hornberger gesellt sich zu uns und mit ein paar Zigaretten der beiden Frauen wird über „Stuttgart 21”, Stadt­bahn­bau und ähnliches diskutiert. Nach drei Stunden klingt dieser Abend also gemütlich aus und ich gehe zufrieden ins Hotel zurück durch dieselben Gassen.

Modell der „Schattenburg Feldkirch (A)”Am Sonntag steht eine Diskussions­runde mit Peter und Thomas Gauger auf dem Plan. Nachdem ich das Hotel geräumt habe, trifft sich die Runde wieder im Kutschersaal. Peter hat Weißmodelle und andere Modelle mitgebracht, die bestaunt werden. Viele Kollegen kennen z. B. die Schattenburg nicht (das kleine schmucke Modell auf dem Foto), die dort steht oder das neue Maximilia­neum in München. Herr Gauger berichtet erst mal über die Geschichte des Aue-Verlags und seine Jugend dort. Leider entsteht danach nicht so recht die Diskussion über das Verlags­programm bzw. über Modell­wünsche, wie ich mir das erhofft habe. Es gibt einige Fragen, aber mein Wunsch z. B. nach großen Burgen­modellen bleibt ungehört. Mir fehlen seit längerem mal wieder richtig große Knaller im Schreiber-Bogen-Programm.

Peter mit einem Modell der „Volksschule Partenkirchen”Danach berichtet Peter, wie er das Maximilia­neum von A bis Z konstruiert hat. Garniert mit technischen Details wird über die Beschaffung von Plänen, die Konstruk­tion und die Arbeit mit der Binnen­zeichnung berichtet. Eigentlich erzählt er all das, was ich aus dem Heft 11-Artikel leider wieder aus Platzgründen herausnehmen musste und für das nächste Heft aufbereitet wird (worauf ich mich wieder freue). Dieser lange Vortrag findet großen Beifall. Danach schauen sich alle noch frühere Binnen­zeichnungen von den Rothen­burg-Modellen an: Peter hat hier Aquarell­zeichnungen im Original ausgelegt und Filme, die dann diese Zeichnungen in die Modell­konstruktionen einkopieren. Auch mit Dieter wird lange darüber fachgesimpelt. Ich denke, dass Peter mit diesem Vortrag und dem aktuellen Artikel aus Heft 11 weitere Bekanntheit erlangt hat. Dass seine sogenannten „Industrie­modelle” (Werbemodelle im Auftrag) wenig bekannt sind, finde ich schade, denn es sind einige sehr schöne und schwierige mit dabei, die gebaut richtig klasse aussehen.

Peter zeigt Aquarell-Binnenzeichnungen und Film-MontagenNach diesem Vormittag verabschieden sich alle herzlich voneinander. Mit Peter, Dieter und Axel Huppers sitze ich noch beim Mittagessen, wo wir über Verlags­strategien und Modelle diskutieren. Wieder gibt es leckere Maultaschen für mich. Habe ich schon mal das schwäbische Essen gelobt? Super lecker! Nachdem auch Dieter und Axel sich verabschiedet haben, wandern Peter und ich noch etwas durch Esslingen und ich fotografiere noch ein paar andere Stellen. Es ist sehr sonnig und mit 25° C holt der September nach, was der ganze Sommer nicht geschafft hat. Ich werde von Peter am Bahnhof abgesetzt und herzlich verabschiedet. Unsere Zusammen­arbeit wird ja im nächsten Heft weitergehen. Mit der S-Bahn fahre ich zum Stuttgarter Haupt­bahnhof, der ja gerade im Mittelpunkt steht. Im IC stapeln sich die Leute und ich bin froh, dass ich im Nahkampf um die Sitzplätze auch eine Reservierung habe. Diesmal fahre ich Gottsei­dank vorwärts, während ich schon auf der Hinfahrt rückwärts fahren musste. Bei der Bahn­hofs­ausfahrt sehe ich wieder in einer Kurve den runden Bülow-Tower aus Stuttgarts Horizont herausragen – von mir als Modell vor einigen Wochen gebaut, von Peter konstruiert. Ist schon lustig…

Einen kleinen Zwischenstopp legt der Zug bei Riedstadt ein. Die hinteren drei Wagen sind kaputt und müssen abgehängt werden. Eine lustige Polonaise von genervten Fahrgästen setzt durch unseren Wagen ein. Bis sich das alles gelegt hat, dauert es knapp 40 Minuten – ich bleibe gelassen (im Gegensatz zu vielen anderen), blättere in meinen diversen AGK-Heften und mit dieser Verspätung fahren wir dann ins Abendrot. Dafür wird die Metropole Frankfurt ganz einfach ausgelassen und der Kopfbahnhof nicht mehr angefahren. Hat ja auch was für sich… Um 22 Uhr komme ich wieder zuhause an, die Verspätung hat sich nicht weiter groß summiert.

Weißmodelle „Volksschule Partenkirchen” und „Maximilianeum”Das war ein interessantes Wochenende rund um den Karton­modell­bau. Mit einer Unmenge von Heften, Bögen und Material ächzte meine Akten­tasche, ich werde wieder viel Neues zu lesen haben. Ich habe viele neue nette Leute kennen gelernt und durch den Vortrag von Peter auch Einsichten in die Konstruk­teurs­arbeit bekommen, was mir helfen wird, den nächsten Artikel zu schreiben. Hier und da konnte ich Lob für die AGK-Hefte einstecken, das macht mich natürlich auch stolz, ich bleibe auch gerne bei dieser Layout-Arbeit und stecke meine ganze Erfahrung dort hinein. Mit Dieter habe ich ja einen „150%-igen” mit an Bord, der genau so tickt wie ich…

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